Vorgestellt: Eine alte merkwürdige Erfurtische Chronik

Nicht nur die Handschriften der Bibliotheca Amploniana wurden in einem DFG-Projekt gescannt, auch zahlreiche andere mittelalterliche und frühneuzeitliche Handschriften aus den verschiedensten Provenienzen wurden vollständig gescannt und können nun in der DHB Erfurt/Gotha betrachtet werden.
Eine spannende Handschrift ist die Erfurter Chronik CE 2° 92 (Digitalisat), welche vermutlich im letzten Drittel des 16. Jahrhunderts in Erfurt geschrieben worden ist. Laut Karl Hermanns „Bibliotheca Erfurtina“ handelt es sich wahrscheinlich um die überarbeitete Abschrift einer anderen Erfurter Stadtchronik. Sie wurde dem evangelischem Ratsgymnasium von einem ehemaligen Schüler geschenkt und gelangte später in den Bestand der Königlichen Bibliothek.

Dieses Manuskript ist uns leider ohne Titelblatt und stark beschädigt hinterlassen worden. Es sind unbeschriebene Blätter jeweils vorn und nach dem Text und einige wesentlich kleinere Blätter eingebunden worden. Geschrieben wurde mit brauner und roter Tinte. Letztere wurde für Hervorhebungen im Text – Überschriften, kleine Zusammenfassungen, Jahreszahlen und Personen- und Ortsnamen – genommen. Überraschend ist der Gebrauch von ausgeschnittenen Buchstaben, ganzen Wörtern und Abbildungen, die dem Text beigefügt wurden. Daher wird vermutet, dass der Drucker Eobanus von Dolgen (welcher durch seine Tätigkeit Zugriff auf gedrucktes „Rohmaterial“ besaß) die Chronik abgeschrieben hat.

In kurzen, selten ausführlichen Absätzen werden herausragende Ereignisse (nicht nur) aus dem Erfurter Leben und das Schicksal bedeutender Persönlichkeiten geschildert. Auch kriegerische Händel und Verbrechen, Not und Elend finden sich auf den Seiten wieder.

Es wird berichtet von der Päpstin, welche ein Kind bekam und bei der Geburt starb, der Erfurter Latrinensturz wird kurz und bündig abgehandelt, vom „Tollen Jahr“ in Erfurt, dem großen Sterben der jüdischen Bevölkerung und dem Einzug der Bauernhaufen in Erfurt beim Bauernaufstand wird erzählt und im letzteren Fall sogar mit Ausschnitten einiger Anführer illustriert.

Wie Anfang des Jahres in verschiedenen Medien zu lesen und zu sehen war, sind vermutlich die Gräber vieler Pesttoter in der Nähe des Stadtteils Roter Berg gefunden worden – man hatte gezielt nach ihnen gesucht: Massengrab mit Pest-Toten in Erfurt entdeckt (MDR am 07.01.26)

 

Auch hierzu findet sich eine Schilderung in unserer Handschrift:
„Anno eodem, war ein gros Sterben in allen Landen, und sonderlich zu Erffurdt, Da starben 12000. Menschen, Die führte man auff Karren und Wagen gen Neusis unter den Rotenberg, Da worden XI. Gruben gemacht, welche alle voll worden, …“
In anderen zeitgenössischen Quellen wird ebenfalls auf die Beerdigung der Verstorbenen in der Gegend der Ortschaft Neuses, welche jetzt eine Wüstung ist, verwiesen.

Für Geschichtsinteressierte und Heimatforscher ist diese Quelle (neben anderen erhalten Chroniken) leichter zu erschließen, weil sie in Deutsch geschrieben ist und nicht wie früher oft üblich in Latein.

Andrea Langner

Einzug der Bauern: UB Erfurt, Dep. Erf., CE 2° 96, f. 111v
Pest in Erfurt 1350: UB Erfurt, Dep. Erf., CE 2°96, f.24v

 

 

Digitalisierung der Amploniana-Handschriften abgeschlossen

Das Team des Bereichs Sondersammlungen freut sich über einen besonderen Projekterfolg: Die knapp tausend Handschriften der Bibliotheca Amploniana sind digitalisiert! Mit Förderung der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) wurden innerhalb von 36 Monaten ca. 330.000 Scans von zwei Digitalisierungskräften in zwei Schichten angefertigt. Um sie herum ein Team von fünf Mitarbeiterinnen, das in einem fein ausgefeilten und eng verzahnten Workflow alles dafür tat, dass die Digitalisate der internationalen Forschung und der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden, und zwar in der durch die Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena (ThULB) bereitgestellten Digitalen Historischen Bibliothek.

Der Workflow sah die folgenden Arbeitsschritte vor:

„Ausheben“ ist der bibliothekarische Fachbegriff dafür, dass man Bücher – in diesem Fall mittelalterliche Codices – aus dem Regal holt. Die konservatorische Sichtung führte in den meisten Fällen zu restauratorischen Maßnahmen, wie zum Beispiel der Trockenreinigung mit speziellen Pinseln, Schwämmen und Schmutzradierern an einer Absauganlage; vielfach mussten Blätter oder Fragmente geglättet, Blattteile gesichert und in früheren Zeiten auf Texte aufgeklebte Signaturschilder gelöst werden. 16 Handschriften mussten aufwendig durch externe Werkstätten restauriert werden; dafür wurden in der Projektlaufzeit Fördermittel in Höhe von 25.500 € beantragt und bewilligt. Die konkrete Vorbereitung für die Digitalisierung umfasste zunächst die Foliierung, was bedeutet, dass man vorhandene Blattzählungen (nicht Seitenzählungen) überprüfte, korrigierte oder ergänzte; sodann wurden auf einem Laufzettel die Parameter und die zu berücksichtigenden Besonderheiten für die Digitalisierung festgelegt. Nach dem Scannen erfolgte eine strenge Qualitätskontrolle, die ggf. zu einem Rescan führte. Erst nach der Freigabe durch die Qualitätskontrolle konnte der Upload in die Digitale Historische Bibliothek erfolgen, wo die Dateien strukturiert, mit weiteren Metadaten verknüpft, mit einem URN (einem persistenten Identifier) versehen und dann veröffentlicht wurden.

Die Digitalisierung selbst fand am sog. Grazer Buchtisch statt, einer von einem Österreichischen Buchrestaurator eigens für Handschriften entwickelten Buchwippe, die bestandschonendes Scannen ermöglicht. Die Digitalisierung war eine reine Image-Digitalisierung, das heißt, dass mit einer professionellen Kameraausrüstung (Canon EOS 5DSR mit einem Zeiss Milvus 2/50 mm-Objektiv) Fotos von den einzelnen Handschriftenseiten gemacht wurden. Es wurden zuerst alle rechten Seiten, dann alle linken Seiten gescannt, die Software MultiDotScan brachte die 70 bis 120 MB großen TIFF-Dateien anschließend in die richtige Reihenfolge.

Dass dieses Großprojekt mit allen fein aufeinander abgestimmten Arbeitsschritten so reibungslos und terminlich im geforderten Rahmen durchgeführt werden konnte, ist ein großartiger Erfolg!

Dr. Katrin Ott, Leiterin des Bereichs Sondersammlungen

Carrels in der Bibliothek

In anderen Bibliotheken werden Einzelarbeitskabinen für das Schreiben von Abschlussarbeiten verlost (s. UB der HU Berlin oder SLUB Dresden). In der Universitätsbibliothek ist das glücklicherweise (noch) nicht nötig, aber die insgesamt 18 Arbeitskabinen oder Carrels im 1. und 2. Obergeschoss der Bibliothek werden gern zum ruhigen und konzentrierten Arbeiten genutzt. Sie alle haben ein Fenster mit Blick auf den Campus. Es gibt einen ausreichend großen Arbeitsplatz mit Tischsteckdose – teils mit PC, teils mit LAN-Anschlussmöglichkeit für ein Notebook – und ein Ablageregal für private und ausgeliehene Literatur. Der Raum ist abschließbar. Den Schlüssel kann man für einen festgelegten Zeitraum von 1 bzw. 2 Monaten mieten. Voraussetzung dafür ist, dass man an der Universität Erfurt studiert und eine Bachelor- bzw. Masterarbeit schreibt.

Interessiert?

Füllen Sie das Formular „Vereinbarung Carrelnutzung“ (pdf) aus, geben Sie hier u.a. den gewünschten Nutzungszeitraum an und wenden sich damit an das Bibliothekspersonal an der Informationstheke im 2. Obergeschoss (Mo-Fr, 10.00-18.00 Uhr). Wir benötigen zur Vorlage einen passenden Nachweis, z.B. die schriftliche Bestätigung des Themas oder den entsprechenden Eintrag in E.L.V.I.S.

Wir empfehlen, ein Carrel einige Wochen vor dem eigentlichen Starttermin zu beantragen, um nicht in Zeitverzug zu kommen. Sobald ein Carrel zum gewünschten Termin zur Verfügung steht, verschicken wir eine Benachrichtigung per E-Mail an den/die Antragsteller:in.

Viel Erfolg!

Neue Webinare bei Juris ab Januar 2026

Ab Januar bietet das Rechtsportal Juris wieder kostenlose Webinare für verschiedene Zielgruppen an. Neben allgemeinen Angeboten für Einsteiger und Fortgeschrittene gibt es auch spezielle Kurse für Studierende und Hochschulangehörige.

Vermittelt werden Tipps und Tricks zur effektiven Suche und zum Umgang mit der Rechercheoberfläche. Im virtuellen Seminarraum besuchen Sie eine Online-Schulung bequem vom eigenen Schreibtisch aus. Sie sehen den Bildschirm des Referenten und verfolgen seine Präsentation in Echtzeit. Es besteht die Möglichkeit, über verschiedene Wege in direktem Kontakt mit dem Seminarleiter und anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmern zu kommunizieren.

Eine Übersicht der Schulungstermine finden Sie auf der Homepage des Portals.

Zugriff auf das Portal ist im Campusnetz der Universität über das Datenbank-Infosystem DBIS möglich.

Sabine Ziebarth

Lesen wirkt!

Mehr als 4.000 E-Books aus dem Verlag Springer Nature sind bis November 2026 im Campusnetz verfügbar – über den dauerhaften Kauf entscheidet die Nutzung

Bis Ende November 2026 ist das E-Book-Angebot der Universitätsbibliothek um rund 4.000 Titel aus dem Verlagsprogramm von Springer Nature erweitert. Welche davon wir auch nach November 2026 für den dauerhaften Zugriff bereitstellen, entscheiden wir auf Basis der bis dahin tatsächlich erfolgten Nutzung. Ihr Leseinteresse hat also direkten Einfluss auf die Kaufentscheidung.

Enthalten sind alle bei Springer seit Januar 2024 erschienenen E-Books aus fünf hauptsächlich deutschsprachigen Fachpaketen:

Außerdem stehen auch fünf englischsprachige Fachpakete zur Verfügung, die ebenfalls Titel ab Erscheinungsjahr 2024 umfassen:

Die E-Books aller Pakete sind in unser Discovery-System eingebunden und lassen sich dort in einer Gesamtübersicht anzeigen.

Das Titelangebot wächst bis Ende November um die bis dahin noch erscheinenden neuen E-Books. Eine regelmäßige Suche nach E-Books aus dem Springer-Verlag lohnt sich also in den nächsten Monaten besonders.

Dr. Peter Blume

Alle Jahre wieder …

Noch wenige Tage, dann geht die Universitätsbibliothek in eine Weihnachtspause (s. unser Beitrag auf der Bibliotheks-Webseite). Während der Schließzeit vom 24. Dezember bis 1. Januar ist die Bibliothek zwar nicht persönlich, per Mail oder Telefon erreichbar, aber Sie können jederzeit auf unsere Webseite, den Bibliothekskatalog oder als Mitglied der Universität Erfurt auch auf die elektronischen Ressourcen (via VPN oder Shibboleth) von außerhalb des Campus zugreifen. Oder: genießen auch Sie eine Pause vom Hochschulalltag, um mit frischer Kraft in das neue Jahr zu starten.

Wir möchten uns bei allen bedanken, die die Veröffentlichungen in diesem Blog gern und regelmäßig verfolgt haben. Es waren gut 50 Beiträge, die sich mit der Bibliothek und ihren Angeboten, neuen Entwicklungen und Hintergründen beschäftigt haben. Wir freuen uns auf das neue Jahr und auf neue spannende Themen, über die wir an dieser Stelle wieder berichten können.

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Universitätsbibliothek Erfurt
wünschen Ihnen
ein frohes Weihnachtsfest, erholsame Feiertage und
alles Gute für ein friedliches Jahr 2026.

Quelle: UB Erfurt, Dep. Erf., LA. 8° 280, f. CLXXIIII