“Nach allen Regeln der Kunst studiert. Lehren und Lernen in sieben Jahrhunderten”

Im laufenden Jahr 2019 feiert die Universität Erfurt das 25jährige Jubiläum ihrer Neugründung. Im Rahmen des Festjahres wird vom 23. bis 24. Mai 2019 eine Tagung mit dem Titel: “Wissenschaft im Umbruch. Erfurt und die Artistenfakultäten um 1500” stattfinden, die an die lange Schul- und Lehrtradition Erfurts anknüpft. Themen der Tagung sind ausgehend von dem vor 500 Jahren im Jahr 1519 unternommenen Reformversuch die Lehre und der Lehrplan an den Artistenfakultäten der europäischen Hochschulen.

Anlässlich der Tagung wird vom 23. Mai bis 4. Juli eine Ausstellung mit dem Titel: “Nach allen Regeln der Kunst studiert. Lehren und Lernen in sieben Jahrhunderten” in den Ausstellungsräumen der Universitätsbibliothek Erfurt zu sehen sein, die an Hand ausgewählter Zeugnisse aus dem Erfurter Lehr- und Hochschulbetrieb den Wandel der Lehre an den europäischen Artistenfakultäten aufzeigen wird. Ausgehend von dem spätantiken Modell der sieben freien Künste wird der Bogen über das Pariser Modell des 14. Jahrhundert bis hin zum Eindringen des Humanismus und dem damit verbundenen Methodenwandel gespannt.

Sprachenlernen 1514

Der größte Schatz der Universitätsbibliothek Erfurt ist die Bibliotheca Amploniana, die Bibliothek des Kollegs Porta Coeli der alten Erfurter Universität. Am berühmtesten sind hier die Handschriften, die großenteils aus der Schenkung des Gründers des Kollegs, dem Arzt und zeitweisen Universitätsrektor Amplonius Rating de Berka (gest. 1435), stammen – die größte bekannte Bücherschenkung des Mittelalters, welche in der UB Erfurt als Dauerleihgabe der Stadt Erfurt aufbewahrt wird. In den folgenden Jahrhunderten wuchs die Bibliothek des Kollegs weiter, so dass es heute neben den Handschriften noch über 2500 gedruckte ‚Libri Amploniani‘ zum Bestand der Universitätsbibliothek gehören.
Einige davon sind Standardwerke, andere sind hingegen unikal überliefert – das heißt, es ist außer dem Erfurter Exemplar kein weiteres mehr bekannt. Kürzlich wurde damit begonnen, diese Bände zu digitalisieren, in einigen Wochen sollen die ersten Drucke über die Digitale Historische Bibliothek Erfurt-Gotha der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Bibliotheca Amploniana, Libris AmplonianiZu den bereits digitalisierten Drucken gehört ein Lehrbuch der lateinischen Sprache des Tübinger Humanisten Johannes Köl, der seinen Namen nach der Mode der Zeit in ‚Brassicanus‘ (‚brassica‘ = ‚Kohl‘) umwandelte. Dieses Werk erfreute sich großer Beliebtheit, so dass zwischen 1508 und 1519 über zwanzig Ausgaben erschienen. Fünf davon wurden von Melchior Lotter in Leipzig produziert. Lotter gehörte einer einflussreichen Druckerdynastie an, sein gleichnamiger Sohn druckte in Wittenberg die erste Ausgabe von Luthers Neuem Testament.

Von der Ausgabe von 1514 ist bisher nur das Exemplar der Libri Amploniani bekannt (Dep. Erf. LA. 4° 10 (1)).

Im Aufbau entspricht es einer modernen Grammatik – zuerst werden die Formen der Substantive und Verben erklärt, später der Satzbau. Die intensive Nutzung des Bandes wird durch die zahlreichen Kommentare von zwei Lesern – teilweise noch auf eingebundenen Blättern, da die Seitenränder nicht ausreichten – deutlich.

Mehrfach wurde versucht, den Stoff in übersichtlichen handgeschriebenen Tabellen zusammenzufassen. Die hier gezeigte enthält die Endungen von Substantiven in verschiedenen Fällen – da sich die Leser offenbar über die Bedeutung der lateinischen Fälle nicht ganz klar waren, steht ganz am rechten Rand noch ein deutsches Beispiel: ‚der knecht / des knechtes / dem knechte / den knecht / O du knecht / von – mit – inn dem knecht‘.

Rimini – Erfurt – Augsburg – Eine Bilderwanderung

Unter den Altbeständen der UB Erfurt findet sich eine deutsche Ausgabe von De re militari (9-Lu. 4° 01001c) des spätrömischen Beamten Flavius Vegetius. Sie wurde 1529 von Heinrich Steiner in Augsburg veröffentlicht, einem sehr produktiven Drucker, der sich auf Luxusausgaben lateinischer Klassiker in deutscher Übersetzung für reiche Bürger, die sich bilden wollten aber wenig Latein konnten, spezialisierte (VD 16 V 466 Digitalisat). Da dieses Buch noch dreimal neu aufgelegt wurde, fand es offenbar reges Interesse.

Die große Überraschung in diesem Buch sind die über 120 ganzseitigen Holzschnitte. Diese haben nichts mit dem Inhalt (Organisation und Ausbildung der spätrömischen Armee) zu tun, sondern zeigen fantastische Waffen und Geräte, etwa Spezialleitern zum Erklimmen von Mauern, Kanonenbatterien, die in alle Richtungen feuern können, windgetriebene Kampfwägen oder Taucherausrüstungen.

Man könnte meinen, bei diesen Abbildungen handele es sich um das Produkt eines Exzentrikers, der wenig auf die technischen Möglichkeiten seiner Zeit Rücksicht nahm. Fast fühlt man sich an die Flugmaschinen Leonardo da Vincis erinnert (auch wenn diese auf eingehende Beobachtungen von Vögeln zurückgingen).

Jedoch stehen diese Bilder in einer größeren Tradition. Der Augsburger Band ist zunächst ein Nachdruck einer Vegetius-Ausgabe, die 1511 bei Hans Knappe in Erfurt erschienen war (VD16 V 465 Digitalisat) – die Augsburger Bilder sind leicht vereinfachte und aus drucktechnischen Gründen seitenverkehrte Kopien der Erfurter.

Da in dieser Zeit die Erfurter Drucker überwiegend Lehrbücher für die blühende Universität produzierten, entstanden dort kaum ‚Bilderbücher‘ – die großen Holzschnitte des Vegetius sind für die damalige Zeit dort einmalig. Aufgrund eines Monogramms wurden zahlreiche dem in Erfurt tätigen Maler Peter von Mainz zugeschrieben. Offenbar fanden die Bilder mehr Anklang als der antike Text – nach 1511 entstand noch eine weitere Ausgabe, die keinerlei Text aber dann über 200 Holzschnitte enthielt (VD16 ZV 9905 Digitalisat).

Für etwa ein Drittel der Bilder der ursprünglichen Ausgabe ist die Geschichte aber noch nicht zu Ende: sie wurden von den Erfurter Illustratoren aus einem Lehrbuch der Kriegstechnik entnommen, das Roberto Valturio dem Sigismondo Malatesta (1417–1468) von Rimini, einem der großen Heerführer der italienischen Renaissance, gewidmet hatte. Als Illustrationen zu diesem Text (zu dem sie, im Gegensatz zum Traktat des Vegetius, wirklich passen) wurden sie mehrfach im 15. und 16. Jahrhundert, in Italien, Deutschland und Frankreich, gedruckt (z. B. GW M49412 Digitalisat)

Solche Odysseen von Abbildungen sind in der Zeit des frühen Buchdrucks nichts Ungewöhnliches. Durch die großen Digitalisierungsprojekte der letzten Jahre (fast 2/3 der deutschen Drucke des 16. Jahrhunderts sind schon digital verfügbar) besteht nun erstmals die Möglichkeit, sie systematisch zu verfolgen.

Der Verfasser dieses Posts versucht, nach und nach die Illustrationen bereits digitalisierter Erfurter Drucke des 16. Jahrhunderts in die kunsthistorische Fachdatenbank Warburg Institute Iconographic Database einzustellen, um damit einen kleinen Beitrag für ein solches Projekt zu leisten.

Zur Krippe her kommet in Bethlehems Stall …

Mit einem Blick auf Cranachs Holzschnitt aus dem Werk „Passional Christi und Antichristi“ (1521) möchten wir uns für dieses Jahr von allen UB-Blog-Lesenden verabschieden.

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der UB Erfurt wünschen Ihnen ein frohes und besinnliches Weihnachtsfest und ein gesundes und glückliches Neues Jahr 2019.

 

Chꝛiſtus.
Die fuchß haben yre gruͤben/ vnnd die fogell der lufft ire neſter/
Aber der ſon des menſchen hat nicht do er ſein heubt legte. Lu. 9
Dießer ab er wol reich war/ dennoch vmb vnſert willen iſt er
arm woꝛden/ vnd ſeyn armut hat vns reych gemacht. 2. Coꝛ. 8


Quelle: Deutsches Textarchiv
Signatur: UB Erfurt, Dep. Erf. 09 – T.as. 4° 73 (4)

„Rabimmel- rabammel – rabumm ….“ – Martini und die Erfurter Gloriosa

Wie schon in den vergangenen Jahren freuen sich Einwohner und Gäste Erfurts am 10. November 2018 auf die Ökumenische Martinsfeier. Es ist Tradition geworden, sich am Vorabend des Martinstages (11. November) auf dem Domplatz mit oder ohne Laterne für die Feier zu versammeln und zu singen.
Bevor um 18 Uhr die Martinsfeier beginnt, gibt es dann einen doch inzwischen recht seltenen Auftritt: Bühne frei für die Gloriosa!
Nur an hohen kirchlichen Feiertage oder zu besonderen Gelegenheiten wird die größte freischwingende mittelalterliche Glocke der Welt, die Gloriosa, geläutet (Termine für das Jahr 2018 siehe Läuteordnung)

Gegossen im Jahr 1497 für den Dom St. Marien und erstmals 1499 geläutet, überstand sie die Jahrhunderte, bis in den Jahren 1984 und 2004 Risse in der Glockenwand auftraten.
Die Reparaturen wurden durch die Glockengießerei Lachenmeyer im Glockenturm selbst (1985) bzw. in der Werkstatt in Nördlingen (2004) ausgeführt – seitdem ertönt die Gloriosa wieder im tiefen „E“.
Doch schon im Jahr 1639 wurde diese bekannte Glocke von einem Erfurtreisenden mit folgenden Worten kurz und bündig beschrieben:

„1639. 29 Maji zur Erffurdt die Glocksen gesehen, weliche ist goßen im Jahr 1497.vndt hadt ein gewicht 275. Centner.
Glöxel [ist] 11. Centner E[in]fang im Circel 5. klaffter das ist 15. Ellen.

Freuen wir uns also – wie schon vor 519 Jahren – auf das Glockengeläute der Gloriosa zu Ehren von Martin von Tours und Martin Luther!

Weitere Informationen zur Gloriosa
Signatur des Bands: UB Erfurt, Dep. Erf. 5 – T.pat. 12° 29