Martin Luther vor 500 Jahren

in den Räumen der heutigen Theologischen Fakultät Erfurt

(von Josef Pilvousek)


Martin Luther in Erfurt

Vorlesungssaal ehemalige KilianikapelleMartin Luther wurde 1501 als "Martinus Ludher ex Mansfeldt" an der Universität Erfurt immatrikuliert, legte an der artistischen Fakultät 1502 sein Bakkalarexamen ab und wurde 1505 Magister artium.
Das erschütternde Erlebnis eines schweren Gewitters in der Nähe des Dorfes Stotternheim - fast wäre er von einem Blitz getroffen worden -  scheint dazu beigetragen zu haben, einen bereits latent gehegten Wunsch, nämlich Mönch zu werden, durch ein Gelübde in die Tat umzusetzen. Zwei Wochen später, am 17.07.1505, trat Martin Luther in das Augustinerkloster ein.
Nach Noviziat und Vorbereitung auf die Weihen empfing er 1507 in der Kilianikapelle des Erfurter Marienstifts (Dom) (heute Vorlesungsraum - siehe Fotos oben links und rechts unten) die Priesterweihe und begann danach Theologie am Generalstudium der Augustinereremiten in Erfurt, das der Universität inkorporiert war, zu studieren.
Im Herbst 1508 wurde er vom Orden nach Wittenberg gerufen, um an der Philosophischen Fakultät eine Vorlesung über die Nikomachische Ethik des Aristoteles zu halten. Zurückgekehrt nach Erfurt hielt er Vorlesungen über die Sentenzen des Petrus Lombardus ( im Coelicum) und wurde 1509 zum "baccalaureus sententiarius" im Coelicum (siehe Foto ganz unten), dem Auditorium der Theologischen Fakultät, promoviert.
Vorlesungssaal ehemalige KilianikapelleGrundlagen und zahlreiche Anregungen für seine spätere Entwicklung hat Martin Luther in Erfurt bekommen. Sein ganzes Leben lang hatte er enge Beziehungen zu Erfurt, wohin ihn sein Weg auch später noch mehrmals führte. Wie ein Bekenntnis klingt es, wenn er 1513 formulierte: "Die Erfurter Universität ist meine Mutter, der ich alles verdanke".
Wo Luther während seiner Studentenzeit 1501 bis 1505 in Erfurt wohnte, ist nicht mit letzter Sicherheit zu sagen. Die Georgenburse an der Lehmannbrücke (Augustinerstraße 28) könnte ein Domizil gewesen sein. Bei seinen Aufenthalten in Erfurt predigte er in der Michaelis- , der Kaufmanns- und Barfüßerkirche.  Bei einer legendären Begegnung mit einem katholischen Geistlichen im Gasthaus "Hohe Lilie" soll er dort eingekehrt sein, und das Gasthaus  "Schlehendorn" diente ihm zweimal als Unterkunft.

Literatur: Erfurter Chronik (Erfurter Straßennamen); Kleineidam Bd. II.; A. Kurz, Erfurter Lutherbuch, Erfurt 1917;  H. Tümmler (Hg.), Luther und Erfurt, Erfurt 1943; J. Meisner, Das Auditorium Coelicum am Dom zu Erfurt, Leipzig 1962.

Vorlesungssaal Coelicum - zum Vergrößern hier klickenDer Reformator

Die Universität Erfurt hatte um die Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert nochmals einen geistigen Aufschwung erlebt. Die Neubelebung erfolgte gleichzeitig nach zwei Richtungen: Zum einen gab es eine Spätblüte der Scholastik, zum anderen blieb Erfurt der "via moderna" treu.
Martin Luther wurde während seines Studiums in Erfurt 1501 bis 1505 und während seines Klosteraufenthaltes mit beiden Richtungen vertraut. Seine "philosophischen" und theologischen Lehrer Jodocus Trutfetter und Bartholomäus Arnoldi von Usingen sind  typische Vertreter dieser Blütezeit.
Den Studien der Artes verdankte Luther seine Beherrschung der Grammatik, der Rhetorik und der aristotelischen Logik sowie seine Kenntnis der Ethik und der Metaphysik des Aristoteles. Sein Klostereintritt bei den Augustinereremiten dürfte vor allem auch darauf zurückzuführen sein, weil dort die gleiche philosophisch-theologische Richtung wie an der Artistenfakultät herrschte und Luther hoffen konnte, dort seine  Studien im gleichen Geist fortsetzen zu können.
Bei seinem späteren Theologiestudium seit 1507 lernt er eine in Erfurt vorherrschende theologische Schulmeinung näher kennen, den durch Gabriel Biel vermittelten Ockamismus, der gerade hinsichtlich der Erbsünden- und Sündenlehre eine "gefährliche Sprengkraft" besaß.
Dennoch kann die Frage, welche Traditionen für Luther in seinen Erfurter Jahren von Einfluss waren, bis heute nicht präzise beantwortet werden. Ergänzende Elemente sind zu nennen, die aber dennoch nicht das Werden des Reformators stringent erklären, weil Luthers Theologie sich eigenständig entwickelte.
In seiner "Erfurter Zeit" lernte er natürlich seinen "Ordensvater" Augustinus und dessen Werke kennen, und die Bibel wurde für ihn Grundlage seines Lebens. Der Umgang mit den Texten der Humanisten haben ihn beeinflusst, ohne das er zu einem Vertreter des Humanismus geworden wäre. Einige der Erfurter Humanisten, wie Crotus Rubeanus und Heinrich und Peter Eberbach kannte er persönlich. Nicht zuletzt ist die Mystik und besonders Bernhard von Clairvaux, dessen Texte er u.a. aus den Tischlesungen während der Mahlzeiten seiner Klosterzeit kannte, für Luther von Einfluss geworden.

Literatur: Kleineidam Bd. II; B. Lohse, Luthers Theologie, Göttingen 1995; H.A. Obermann, Luther, Berlin 1982.