﻿{"id":5628,"date":"2022-03-03T11:22:16","date_gmt":"2022-03-03T10:22:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www2.uni-erfurt.de\/bibliothek\/blog\/?p=5628"},"modified":"2022-03-03T11:22:16","modified_gmt":"2022-03-03T10:22:16","slug":"der-buchschmuck-in-den-articella-handschriften","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www2.uni-erfurt.de\/bibliothek\/blog\/der-buchschmuck-in-den-articella-handschriften\/","title":{"rendered":"Der Buchschmuck in den Articella-Handschriften"},"content":{"rendered":"<p>Nachdem ich in den letzten beiden <a href=\"https:\/\/www2.uni-erfurt.de\/bibliothek\/blog\/die-articella-handschriften-der-amploniana-und-ihre-franzoesische-herkunft\/\">Blogbeitr\u00e4gen<\/a> einen Einblick in die Geschichte des Articella-Konvoluts gegeben habe, m\u00f6chte ich noch etwas genauer auf den Buchschmuck innerhalb dieser kleinen Lehrbuchsammlung eingehen.<\/p>\n<p>Der Buchschmuck hatte in mittelalterlichen Kodizes mehrere Funktionen. Einerseits konnte er die Repr\u00e4sentativit\u00e4t des Bandes erh\u00f6hen, wenn er besonders elaboriert war. Diese kunstvollen Bilder wurden dann auch von Meistern angefertigt, die sich ausschlie\u00dflich auf die Buchmalerei spezialisiert hatten. Andererseits waren sie aber auch f\u00fcr die sp\u00e4tere Nutzung des Bandes hilfreich, weil sie eine wichtige Orientierungshilfe bei der Nutzung der Handschriften waren. Hierzu wurde in der Regel der erste Buchstabe eines Textes, die Initiale, besonders aufw\u00e4ndig verziert. Doch auch untergeordnete Texteinheiten wie Kapitel- oder Satzanf\u00e4nge wurden h\u00e4ufig f\u00fcr eine bessere Orientierung verziert \u2013 wenn auch deutlich schlichter mit Fleuronn\u00e9, Lombarden oder einfachen Buchstabenstrichelungen (Abb. 1).<\/p>\n<p>.<img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-5630 alignnone\" src=\"https:\/\/www2.uni-erfurt.de\/bibliothek\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Der-Buchschmuck-der-Articella_Handschriften_Abb.-1-644x478.jpg\" alt=\"\" width=\"644\" height=\"478\" \/><\/p>\n<p>Abb. 1: CA 2\u00b0 246, 1r. Der lehrende Hippokrates mit einem Sch\u00fcler. Zudem zur weiteren Textgliederung unten links eine weitere Fleuronn\u00e9-Initiale, oben rechts ein Alinea-Zeichen und zahlreiche Buchstabenstrichelungen an den Satzanf\u00e4ngen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>F\u00fcr Handschriften aus dem universit\u00e4ren Kontext, die viel genutzt und h\u00e4ufig weitergereicht wurden, verzichtete man jedoch meist auf die kostspielige Buchmalerei. Dennoch befinden sich in den Articella-Best\u00e4nden der Amploniana einige Exemplare mit sehr hochwertigem Buchschmuck. Ein Beispiel ist hierf\u00fcr die <a href=\"https:\/\/dhb.thulb.uni-jena.de\/receive\/ufb_cbu_00017963\">CA 2\u00b0246<\/a>. Bei dieser Handschrift findet sich an jedem Textbeginn eine besonders kunstvoll verzierte Initiale, in der ein Arzt bei einer T\u00e4tigkeit dargestellt wird. Solche Initialen nennt man in der Fachsprache historisierte Initialen, da sie meist konkrete Personen darstellen.<\/p>\n<p>In unserem Fall ist vermutlich Hippokrates als Autor der Texte abgebildet, der im ersten Beispiel als Lehrender mit einem Sch\u00fcler an einem Tisch mit Buch dargestellt wird (Abb. 1). Die ganze Szene ist innerhalb des Buchstabens P abgebildet, der sich auf einem blauen Feld mit wei\u00dfem Filigran befindet. Hiervon gehen dann mit Dornen und Perlen verzierte Akanthusranken in verschiedenen Deckfarben ab. Abgerundet wird das ganze unterhalb des Textes mit einem Medaillon, das vermutlich die Personifikation der Medizin darstellen soll (Abb. 2).<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-medium wp-image-5631\" src=\"https:\/\/www2.uni-erfurt.de\/bibliothek\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Der-Buchschmuck-der-Articella_Handschriften_Abb.-2-673x478.jpg\" alt=\"\" width=\"673\" height=\"478\" \/><\/p>\n<p>Abb. 2: CA 2\u00b0 246, 1r. Vermutlich die Personifikation der Medizin (evtl. Hygieia), dargestellt mit einer Schriftrolle.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf der zweiten historisierten Initiale (Abb. 3) ist Hippokrates wiederum als Arzt bei der Begutachtung eines Urinschauglases dargestellt, womit die Diagnostik eines Arztes veranschaulicht wird. Auch dieses Bild ist innerhalb eines Buchstabens dargestellt, in diesem Fall dem U bzw. V von <em>videtur<\/em>. Und auch hier gehen von der Initiale in gleichem Stil gemalte Akanthusranken in Deckfarben ab, die damit beim Bl\u00e4ttern den Textbeginn des neuen Textes ins Auge springen lassen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-medium wp-image-5632\" src=\"https:\/\/www2.uni-erfurt.de\/bibliothek\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Der-Buchschmuck-der-Articella_Handschriften_Abb.-3-431x478.jpg\" alt=\"\" width=\"431\" height=\"478\" \/><\/p>\n<p>Abb. 3: CA 2\u00b0 246, 53r. Initiales V f\u00fcr <em>videtur<\/em>, das hier aber eigentlich ein U ist, da im Lateinischen urspr\u00fcnglich nicht zwischen U und V unterschieden wurde. Deshalb findet sich auch auf antiken Inschriften bspw. SENATVS POPVLVSQVE ROMANVS.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bemerkenswert ist auch die historisierte Initiale des dritten Textes (Abb. 4). Hier musste aufgrund des Textbeginns das I von <em>illi<\/em> zu einer Initiale gestaltet werden. Da die historisierten Initialen aber innerhalb des Buchstabenk\u00f6rpers gemalt wurden, war dies f\u00fcr den Buchmaler eine gr\u00f6\u00dfere Herausforderung. Da er zudem Hippokrates als Arzt bei der Therapie darstellen sollte, der einen Kranken mit einer Medizin versorgt, musste er in diesem Fall den Buchstabenk\u00f6rper auf beiden Seiten etwas verlassen, um die gew\u00fcnschte Szene darstellen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-medium wp-image-5633\" src=\"https:\/\/www2.uni-erfurt.de\/bibliothek\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Der-Buchschmuck-der-Articella_Handschriften_Abb.-4-400x478.jpg\" alt=\"\" width=\"400\" height=\"478\" \/><\/p>\n<p>Abb. 4: CA 2\u00b0 246, 87r. Hippokrates beim Verabreichen einer Medizin<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Buchmalerei ist aber nicht nur sch\u00f6n anzusehen, sondern gibt auch den Handschriftenbeschreiber*innen wichtige Hinweise zur Lokalisierung und Datierung der Handschrift. Da die zeitgen\u00f6ssischen Buchmaler nat\u00fcrlich nicht wussten, wie der &#8218;alte Grieche&#8216; Hippokrates gekleidet war, malten Sie ihn in der lokalen zeitgen\u00f6ssischen Tracht. Diese l\u00e4sst sich den wohlhabenden B\u00fcrgern Venedigs des 14. Jahrhunderts zuordnen, da hier die typische Kopfbedeckung des Stadtadels, eine turbanartige Haube (Capucci) dargestellt ist, die auf einer wei\u00dfen Leinenhaube getragen wurde (vgl. Leventon, Kost\u00fcme Weltweit, 2009, S. 81f.).<\/p>\n<p>Die kombinierte Analyse von Schrift, Inhalt und Buchschmuck wei\u00dft daher auf Bologna oder Padua als Ursprungsort hin, da sich dort die gro\u00dfen medizinischen Fakult\u00e4ten der Region befanden. Allerdings deutet der elaborierte Buchschmuck dieser Handschrift sowie der Umstand, dass hier lediglich die drei gro\u00dfen Articella-Texte \u00fcberliefert sind, darauf hin, dass es sich bei dieser Handschrift um einen repr\u00e4sentativen Band handelt, den sich entweder ein sehr wohlhabender Student f\u00fcr sein Studium anfertigen lie\u00df oder ein fertig ausgebildeter Arzt. Denn die drei Initialen bilden die drei zentralen Aufgaben des Arztes jener Zeit ab, n\u00e4mlich die Lehre, die Diagnose und die Therapie.<\/p>\n<p><em>Sven-Philipp Brandt<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nachdem ich in den letzten beiden Blogbeitr\u00e4gen einen Einblick in die Geschichte des Articella-Konvoluts gegeben habe, m\u00f6chte ich noch etwas genauer auf den Buchschmuck innerhalb dieser kleinen Lehrbuchsammlung eingehen. Der Buchschmuck hatte in mittelalterlichen Kodizes mehrere Funktionen. 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