﻿{"id":5397,"date":"2021-11-17T13:10:33","date_gmt":"2021-11-17T12:10:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www2.uni-erfurt.de\/bibliothek\/blog\/?p=5397"},"modified":"2021-11-17T13:23:18","modified_gmt":"2021-11-17T12:23:18","slug":"die-articella-handschriften-der-amploniana-eine-mittelalterliche-lehrbuchsammlung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www2.uni-erfurt.de\/bibliothek\/blog\/die-articella-handschriften-der-amploniana-eine-mittelalterliche-lehrbuchsammlung\/","title":{"rendered":"Die Articella-Handschriften der Amploniana: Eine mittelalterliche Lehrbuchsammlung"},"content":{"rendered":"<p>An den Universit\u00e4ten des Mittelalters gab es f\u00fcr das Medizinstudium eine Sammlung medizinischer Texte, die im sp\u00e4ten 11. Jahrhundert im italienischen Salerno entstand und sich von dort aus als zentrales Lehrbuch an den medizinischen Fakult\u00e4ten in Westeuropa ausbreitete. In diesem Lehrbuch wurden kleine zentrale medizinische Texte gesammelt, die \u00fcberwiegend aus der Antike stammten und auch bereits in jener Zeit von anderen Medizinern kommentiert wurden. So geh\u00f6rten zu diesem Kanon zun\u00e4chst drei Werke aus dem <em>Corpus Hippocraticum<\/em>, die der r\u00f6mische Arzt Galen kommentiert hatte. Am bekanntesten d\u00fcrften hier wohl die <em>Aphorismen des Hippokrates<\/em> sein, bei denen es sich um 422 medizinische Sentenzen handelt und die in den Articella-Handschriften stets mit dem auch aus Goethes Faust bekannten Satz<em> Vita brevis, ars vero longa<\/em> beginnen (\u201eDas Leben ist kurz, die Kunst der Wissenschaft aber ist von Dauer\u201c; im Original \u00fcbrigens: \u1f49 \u03bc\u1f72\u03bd \u03b2\u03af\u03bf\u03c2 \u03b2\u03c1\u03b1\u03c7\u03cd\u03c2, \u1f21 \u03b4\u1f72 \u03c4\u03ad\u03c7\u03bd\u03b7 \u03bc\u03b1\u03ba\u03c1\u03ac).<\/p>\n<p>Doch wie bei modernen Lehrbuchsammlungen entwickelte sich auch dieser kleine medizinische Kanon weiter. Einerseits wurden die Articella-Handschriften mit weiteren n\u00fctzlichen Texten wie dem Werk <em>De urinis<\/em> des Theophilos erweitert, das sich der Auswertung des Urins von Kranken widmete \u2013 einst eine wichtige medizinische Praxis, die sich in zahlreichen Darstellungen mit Harnschauglas in mittelalterlichen Handschriften niederschl\u00e4gt [Abb. 1]. Andererseits wurden auch die Texte selbst weiter kommentiert, sodass sich bald \u201akommentierte Kommentare\u2018 in den Handschriften fanden. Diese Entwicklung geschah vor allem in der Mitte des 13. Jahrhunderts, woraus sich zwei Arten der Articella-Handschriften herausbildeten: Die \u00e4lteren wurden bereits im Mittelalter <em>ars medica<\/em> benannt, w\u00e4hrend die sp\u00e4teren durch ihren gr\u00f6\u00dferen Kommentaranteil als <em>ars commentata<\/em> abgegrenzt wurden.<\/p>\n<figure id=\"attachment_5399\" aria-describedby=\"caption-attachment-5399\" style=\"width: 287px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www2.uni-erfurt.de\/bibliothek\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Abb_1.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"wp-image-5399\" src=\"https:\/\/www2.uni-erfurt.de\/bibliothek\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Abb_1.jpg\" alt=\"\" width=\"287\" height=\"413\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-5399\" class=\"wp-caption-text\">Abb. 1: Hippocrates mit Harnschauglas (CA 2\u00b0 246, fol. 53r)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Diese historische Entwicklung der \u201aArticella-Lehrbuchsammlung\u2018 l\u00e4sst sich auch in der Amploniana nachvollziehen und verr\u00e4t gleichzeitig etwas \u00fcber die Sammlungsgeschichte: Von den neun Articella-Handschriften der Amploniana lassen sich zwei der \u201aalten Auflage\u2018, der <em>ars medica<\/em> zuordnen, w\u00e4hrend die anderen sieben Handschriften bereits der <em>ars commentata<\/em> zugerechnet werden k\u00f6nnen. Auffallend sind hier vor allem die beiden \u00e4lteren Kodizes, von denen die <a href=\"https:\/\/dhb.thulb.uni-jena.de\/rsc\/viewer\/ufb_derivate_00014906\/CA-2-00246_0009.tif\">CA 2\u00b0 246<\/a> durch besonders ausgestaltete Initialen auff\u00e4llt und die <a href=\"https:\/\/dhb.thulb.uni-jena.de\/rsc\/viewer\/ufb_derivate_00014716\/CA-2-00266a_0009.tif\">CA 2\u00b0 266a<\/a> bereits kurz nach der Abfassung eine intensive \u00dcberarbeitung erfahren hat.<\/p>\n<p>Allerdings sind diese beiden Handschriften nicht die \u00e4ltesten Articella-Handschriften in der Amploniana. Denn w\u00e4hrend sich beide mit Hilfe von Schrift- und Buchschmuckvergleichen eindeutig in das erste Viertel des 14. Jahrhunderts datieren lassen, existiert mit der <a href=\"https:\/\/dhb.thulb.uni-jena.de\/rsc\/viewer\/ufb_derivate_00014672\/CA-2-00285_0011.tif\">CA 2\u00b0 285<\/a> noch eine deutlich \u00e4ltere Articella-Handschrift in der Sammlung. Durch ein Kolophon, einen Vermerk des Schreibers mit Datumsangabe, gilt diese Handschrift als weltweit \u00e4lteste, datierte <em>ars commentata<\/em> aus dem Jahr 1270. Demnach existierte die \u201aneuere\u2018 Version der Amploniana bereits 50 Jahre, bevor die \u201a\u00e4lteren\u2018 Abschriften \u00fcberhaupt abgeschrieben wurden.<\/p>\n<p>Doch wieso schrieb man eine \u201aalte Auflage\u2018 ab? Hierf\u00fcr gibt es verschiedene Erkl\u00e4rungen: Die CA 2\u00b0 246 mit ihrem au\u00dfergew\u00f6hnlich sch\u00f6nen Buchschmuck und ihrer Fokussierung auf die drei grundlegenden Hippokratestexte d\u00fcrfte eher einen repr\u00e4sentativen Charakter f\u00fcr den Auftraggeber gehabt haben. Erst sp\u00e4ter wurde sie offensichtlich auch f\u00fcrs Studium verwendet, was vor allem die vielen Anmerkungen aus dem 15. Jahrhundert zeigen. Bei der CA 2\u00b0 266a fand bereits kurz nach der Abschrift eine gr\u00fcndliche \u00dcberarbeitung statt [Abb. 2].<\/p>\n<figure id=\"attachment_5400\" aria-describedby=\"caption-attachment-5400\" style=\"width: 472px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/www2.uni-erfurt.de\/bibliothek\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Abb_2.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"wp-image-5400\" src=\"https:\/\/www2.uni-erfurt.de\/bibliothek\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Abb_2.jpg\" alt=\"\" width=\"472\" height=\"269\" srcset=\"https:\/\/www2.uni-erfurt.de\/bibliothek\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Abb_2.jpg 1113w, https:\/\/www2.uni-erfurt.de\/bibliothek\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Abb_2-250x141.jpg 250w, https:\/\/www2.uni-erfurt.de\/bibliothek\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Abb_2-768x437.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 472px) 100vw, 472px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-5400\" class=\"wp-caption-text\">Abb. 2: Neben dem Haupttext finden sich zahlreiche Kommentare mit einer sehr ordentlichen, aber sehr kleinen Schrift von lediglich 1 mm H\u00f6he, CA 2\u00b0 266a 1r.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Offensichtlich hat hier ein Student eine alte Auflage erwischt, wie manche Studierende es ja auch heute noch kennen, wenn sie sich ein Lehrbuch im Antiquariat beschaffen. Der mittelalterliche Student wusste sich aber dahingehend zu helfen, dass er das Buch gegen eine Zahlung von <em>sex vallodia<\/em> entsprechend \u00fcberarbeiten und so zu einer <em>ars commentata<\/em> werden lie\u00df.<\/p>\n<p><strong>Autor: Sven-Philipp Brandt<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>An den Universit\u00e4ten des Mittelalters gab es f\u00fcr das Medizinstudium eine Sammlung medizinischer Texte, die im sp\u00e4ten 11. Jahrhundert im italienischen Salerno entstand und sich von dort aus als zentrales Lehrbuch an den medizinischen Fakult\u00e4ten in Westeuropa ausbreitete. In diesem <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/www2.uni-erfurt.de\/bibliothek\/blog\/die-articella-handschriften-der-amploniana-eine-mittelalterliche-lehrbuchsammlung\/\">weiterlesen  <span class=\"screen-reader-text\">  Die Articella-Handschriften der Amploniana: Eine mittelalterliche Lehrbuchsammlung<\/span><span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[101],"tags":[386,385,135],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www2.uni-erfurt.de\/bibliothek\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5397"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www2.uni-erfurt.de\/bibliothek\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www2.uni-erfurt.de\/bibliothek\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www2.uni-erfurt.de\/bibliothek\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www2.uni-erfurt.de\/bibliothek\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5397"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www2.uni-erfurt.de\/bibliothek\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5397\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5409,"href":"https:\/\/www2.uni-erfurt.de\/bibliothek\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5397\/revisions\/5409"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www2.uni-erfurt.de\/bibliothek\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5397"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www2.uni-erfurt.de\/bibliothek\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5397"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www2.uni-erfurt.de\/bibliothek\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5397"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}