Prof. Dr. Bettine Menke, |
Das Projekt situiert sich in der Rahmenfrage, welchen spezifischen Beitrag genuin literaturwissenschaftliche und allgemein kulturwissenschaftliche Fragestellungen jeweils einander anzubieten haben. Beide Fragerichtungen bedingen, sollte das Verhältnis das einer gegenseitigen produktiven Anregung sein, eine Revision und Erweiterung der zugrundeliegenden Gegenstandsbereiche und zentralen Begrifflichkeiten von 'Literatur', 'Text' und 'Kultur', wie sie in den letzten Jahren bereits ausgehend von Cultural Anthropology, New Historicism und sog. 'kulturpoetischen' Konzepten diskutiert worden sind.
Das Projekt geht davon aus, daß soziale und politische Ordnungsmuster und Ordnungen des Wissens sowie ihre Veränderungen in einem relationalen Zusammenhang stehen mit Repräsentationstechniken und Symbolisierungsprozessen, die eine allgemeine kulturelle Produktivität entfalten. Vorschnelle universalistische Annahmen werden zugunsten von relationalen Aspekten aufgegeben, die jeweils auch in interkultureller Perspektive zu untersuchen wären. Eine kulturwissenschaftliche Perspektive in der Literaturwissenschaft bezieht demnach im Sinne einer (historischen) Diskursanalyse literarische Texte auf kulturelle Repräsentationstechniken und Symbolisierungsprozesse und fragt nach der Bedingung der Möglichkeit von Wissens- und Diskursformationen. Den historiographischen Verfahrensweisen, die geschichtliche Kontinuitäten, aber auch Brüche thematisieren, kommt dabei eine eigene kulturwissenschaftliche Relevanz zu. Eine solche Perspektive hat aber auch die von der Literaturtheorie erarbeiteten komplexen Begriffe von Text und Poesie und ihre Präzisierungen der rhetorischen Herstellung von Bedeutung aufzunehmen. Das Wissen von der Produktivität der Sprache und ihrer Organisationsformen muß in die Kulturwissenschaft eingebracht werden. Dies würde eine neue Perspektive auf das Wechselverhältnis von literarischen Texten und kulturellen Repräsentationslogiken ermöglichen: auf ihre (funktionale oder dysfunktionale) Teilhabe an diskursiven Strategien, ihre Einbindung in kulturelle Repräsentationstechniken, auf Signifikationsprozesse, die einen symbolischen oder imaginären Überschuß produzieren und damit kulturelle Bedeutungen stabilisieren oder destabilisieren. Ausgehend von diesen Leitfragen widmet sich das Projekt der Revision genuin literaturwissenschaftlicher Ansätze in kulturwissenschaftlicher Perspektive, aber auch einem Themenspektrum, das Fragen nach den Ordnungen des Politischen und Rechtlichen, nach wissenschaftshistorischen Problemkonstellationen, dem Verhältnis von Poesie und Wissen sowie der Ordnung der Geschlechter und Konzepten des Körpers aus der Perspektive von Darstellungs- und Lektüre-Praktiken angeht. Insofern steht das Projekt in engem Zusammenhang zu den Forschungsprojekten Gedächtnis der Texte, Literarische (Un-)Ordnungen der Geschlechter und Semiologien des Körpers.
Das Projekt situiert sich im Kontext einer kulturwissenschaftliche Debatte um den thematischen Fokus ‚Körper', die Positionen diskutiert, die den Körper nicht mehr als quasi-natürlichen Garanten von Identitäten und Differenzen rekonstruieren, sondern als Zeichenfläche betrachten, auf die sich kulturelle Einschreibungen eintragen, oder als Effekt diskursiv hervorgebrachter kultureller Konstruktionen. In einer neueren kulturwissenschaftlichen Perspektive wäre der Körper nicht mehr eine ‚natürliche', selbstverständliche Gegebenheit, die sich hinter der Ordnung der Zeichen verbirgt, er firmiert vielmehr als Produkt und Effekt von Zeichenprozessen. Dennoch ist das Thema ‚Körper' in der Ambivalenz zwischen Körper-Bild und einem (gleichwohl semiotisch aufgeladenen) ‚physischen Raum der Erfahrung' verhaftet. Das Projekt will nicht in die Klage über eine zunehmende Entfremdung oder Überformung eines ursprünglich gegebenen Körpers in der Postmoderne einstimmen. Vielmehr geht es zunächst darum, ein Instrumentarium zu finden, mit dem kulturelle und historische Veränderungen in der Modellierung des Verhältnisses zum Körper adäquater beschrieben werden könnten. Das Projekt will dabei der in bezug auf den Körper prinzipiell unauflösbaren Zweideutigkeit gerecht werden: der Körper bleibt zwischen einander widerstreitenden Ordnungen der Darstellung und des Realen aufgespannt. In dieser Spannung erscheint der Körper als Ort des Übergangs oder der Verstörung. Insofern nimmt sich das Projekt zum einen der Thematik von ihrer Grenze her an: vom Ort monströser und hybrider Körper. Zum anderen greift das Projekt die Thematik des Verhältnisses von Körper und Schrift auf, in dem es am Thema der Handschrift und der sie begleitenden Lektürepraxis der Graphologie Fragen zur Zeichenhaftigkeit von Körper-Spuren behandelt.
Die ‚kulturanthropologische' Wende in der Literaturwissenschaft hat Fragen aufgeworfen, auf welche Weise soziale und politische Ordnungsmuster und Ordnungen des Wissens sowie ihre Veränderungen mit Repräsentationstechniken und Symbolisierungsprozessen zusammenhängen, die eine allgemeine kulturelle Produktivität entfalten. In diesem Kontext spielt Interkulturalität weder nur als (historisch unterschiedlich zu verfolgendes) Thema von literarischen Texten eine bedeutende Rolle, noch nur als traditionell vergleichende Perspektive zwischen Nationalliteraturen, sondern als Feld der Literaturwissenschaft, in dem sich die thematische Aufmerksamkeit auf Kulturkontakt und die Auseinandersetzung mit anderen Kulturen mit erkenntnistheoretischen und hermeneutisch-methodischen Grundsatzüberlegungen bündelt. Diese Überlegungen fokussieren die sprachliche und mediale Verfaßtheit symbolischer Repräsentationen. An dieser Stelle aber eröffnet sich das Desiderat eines intensiven interdisziplinären Austauschs der kulturwissenschaftlichen Fragestellungen mit im engeren Sinne literaturwissenschaftlichen und -theoretischen Überlegungen zur Bedingung der Möglichkeit hermeneutischer Verfahren. Wurde zunächst die Idee einer "progressiven Universalhermeneutik" verfolgt (z.B. von der sog. "interkulturellen Germanistik"), so geben dagegen neuere literaturtheoretische Überlegungen zu denken, welches die kulturellen Bedingungen für "Verstehen" sind und inwiefern das Verstehen (als Lektüre) in kulturelle Repräsentationstechniken eingebunden ist. Daraus würde sich die interdisziplinäre Bedeutung einer literaturwissenschaftlich informierten "Kulturpoetik" ergeben, die unter den Kulturbegriff eben nicht nur (literarische) Texte faßt, sondern auch mediale und ästhetische Repräsentationen, die im Kontext einer kulturellen Zeichenlogik stehen.
Das Projekt umfaßt davon ausgehend einen Forschungsüberlick über das Verhältnis von Literaturwissenschaft und verschiedenen (kultur-)anthropologischen Forschungsrichtungen mit der Perspektivierung erkenntnistheoretischer und methodischer Basisüberlegungen, sowie ein Themenspektrum von Figuren der Fremde in der Literatur seit 1800, aber auch ethnologiehistorisch relevanter Diskursformationen, bis hin zur Frage kulturell kodierter Identitätskonzepte.
Das Gesamtprojekt ist ein laufendes Projekt, dessen Zwischenergebnisse ständig in Vorträgen und Publikationen präsentiert werden. Es steht in engem Zusammenhang zu den Forschungsprojekten Semiologien des Körpers, Literarische (Un-)Ordnungen der Geschlechter und Gedächtnis der Texte.
Zum Teilprojekt Spuren des Fremden: Kulturanthropologische Konzepte in der Literaturwissenschaft (Julika Funk) ist eine weitere Präsentation zu Fetisch und Literatur im 19. Jahrhundert und zum Verhältnis von Literaturwissenschaft und Kulturwissenschaft geplant für Winter 2001 im Rahmen des Kollegs zur Förderung von Nachwuchswissenschaftlerinnen Ablösung oder Erneuerung? Zur Literaturwissenschaft als Kultur- und Genderwissenschaft, Universität-Gesamthochschule Siegen. Zum Teilprojekt Fremd-Körper und Ordnung der Zeichen (Julika Funk) sind Vorträge zu Monströse Körper. Fremde Körper in kulturwissenschaftlicher Perspektive (Universität Greifswald, 2001) und Identität versus Hybridität? Kulturwissenschaftliche Konzepte und theoretische Ansätze in der Diskussion (Universität Zürich, 2001) geplant.
Kritik der Gewalt - Homo sacer (Ein Workshop der Universität Erfurt (Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft), des Graduiertenkollegs Frankfurt (Oder) und des Poetic's Institute New York), 16./ 17. 11. 2000, Erfurt.
"Die'Kritik der Gewalt' in der Lektüre Derridas", in: global benjamin, Internationaler Walter-Benjamin-Kongreß 1992, hg.v. Klaus Garber, Ludger Rehm-, München (Fink) 1999, Bd. 3, 1671-1690.
"Zur Frage der Gespenster", Beitrag zu Rembert Hüser: "We are Familiy - (remix 98)", in: Jörg Schönert (Hg.): Literaturwissenschaft und Wissenschaftsforschung, Stuttgart, Weimar (Metzler) 2001, 573-599 [589/90].
"Über die Wiederholung, die die Echos sind", in: Wunsch-Maschine-Wiederholung, Freiburg: Rombach (im Druck) 2001
zusammen mit Cornelia Brück (Hg.): Körper-Konzepte, Tübingen 1999
"Forschungsrichtungen in der Anthropologie: Philosophische Anthropologie, Historische Anthropologie, Interkulturalität und Kulturanthropologie. Überblick und Auswahlbibliographie", in: Historical Social Research, Historische Sozialforschung, Vol 25, No.2, 2000, S. 54-138
"Tiere und Zähne - Geheimschrift Handschrift", Vortrag auf der Tagung: Hand. Körper-Medium-Technik, Bremen 2000 (Publikation 2001)
"Fetisch des Fremden. Zum Singulären in Achim von Arnims Melück Maria Blainville, die Hausprophetin aus Arabien", Vortrag auf der Tagung Singularitäten, Universität Hamburg 2000 (Veröffentlichung in: Marianne Schuller, Elisabeth Strowick (Hg.): Singularitäten, 2001)
"Bargeldloser Verkehr. Zu einem ökonomischen Phantasma moderner Prostitution", Vortrag am Evangelischen Studienwerk, Villigst, August 1999.
"Die Wiederkehr des Verdrängenden. Archäologien der Geschlechterdifferenz um 1900", in: Mannsbilder, hg. von Karin Tebben, Göttingen 2001.
"Abfallarchäologie. Virchow - Schliemann - Freud", Vortrag am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte, Berlin, Juni 2000
"Fossilien. Das Insistieren der Körper im Diskurs der Kulturwissenschaften", in: Grenzverläufe. Der Körper als Schnitt-Stelle, hg. von Annette Barkhaus, Annette Fleig, ersch. vorauss. München 2002